Freitag, 6. August 2010

Zweieunddreissigster Eintrag

Den heutigen Tag verbrachte ich grösstenteils unten am See mit Faulenzen, Sonnen und Nachdenken. Laszlo hatte heute nicht gross Zeit um etwas mit mir zu unternehmen, da er noch einen Zeitungsartikel verfassen musste. Er schlug mir vor, ein wenig mit seinem Ruderboot, das sich unten am See in einem kleinen Bootshäuschen befindet, hinaus zu rudern und einfach einmal nichts zu tun. Die Idee gefiel mir, denn der Himmel war strahlend blau und die Hitze drückend. Ich ruderte ziemlich weit raus, bis das Bootshäuschen nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne war. Dann legte ich mich auf den hölzernen Boden des Boots, schloss die Augen und genoss die Sonne. Sanft schlugen kleine Wellen gegen Seiten der Nussschale und schaukelten sie sanft hin- und her.

Irgendwann begann ich über das Gespräch von gestern Nachmittag nachzudenken. Das Leben also in die Hand nehmen und sein Schicksal selbst bestimmen. Hmm, das hat schon etwas. Ich stellte mir vor, dass man wohl so etwas wie der Steuermann seines eigenen kleinen Schiffchens ist, dass da auf einem grossen, weitem See, dem Leben, so vor sich hintreibt. Man kann sich zwar weiterhin von Wind und Wellen treiben lassen, das ist angenehm und gemütlich, aber man weiss nie, wohin sie einen schliesslich treiben werden. Auch wenn eine Fahrt ins Ungewisse hinaus durchaus spannend und aufregend sein kann, so ist doch die Gefahr gross, dass man plötzlich irgendwo ins Schilf abdriftet oder gar in Seenot gerät. Nimmt man die Ruder jedoch selbst in die Hände, so vermeidet man dies und bestimmt selbst, wohin die Reise gehen soll. 

Dieses Gedankenbild gefiel mir eine Weile lang, doch schon wenig später kam es mir wieder absurd und kindisch vor. Pseudointellektuelles Gedankenzeugs. Ich liess das Überlegen sein und las einige Seiten in diesem Buch, das mir Hampi geschenkt hat. Naja, es stimmt tatsächlich, was einige sagen; dieses Buch ist irgendwie noch gut und ich erkannte sogar einige Parallelen zu mir selbst. Ich glaube dieser Typ aus dem Buch, dieser Holden, hatte selbst auch noch keinen Sex. Ich meine, weshalb rastete er sonst so aus, als sein Zimmergenosse ein Mädchen datete und möglicherweise mit ihm Sex hatte? Hmm, in letzter Zeit häuft sich bei mir der Drang, es endlich auch zu tun. Ich meine...neulich hab‘ ich irgendwo gelesen, dass ein Typ durchschnittlich mit 16 das erste Mal hat. Und ich werde in einigen Monaten 19. Naja. 

Ich fragte mich, ob mein Vater damals ähnlich passiv wie ich durchs‘ Leben ging und ob ich dann irgendwann einmal ähnlich rauskommen würde wie er, weil ich „nicht gelebt“ hatte. Es machte mir irgendwie Angst. Auch das, was mit Laszlos verstorbener Frau Juliana geschah. Beide waren seit Studienzeiten ein glückliches Paar und es deutete nichts darauf hin, dass sich das jemals ändern würde und dann, es war während den Sommerferien, die sie in Padua verbrachten, zog ein Sturm auf und fegte einen Ziegelstein von einem Dach, der Juliana schliesslich am Kopf traf. Sie fiel in der Folge unglücklich auf ihren Hinterkopf und verstarb wenig später an inneren Blutungen. Ich meine, der Tod scheint eine so beliebige Sache zu sein - wer weiss schon was morgen sein wird? Es wäre daher verdammt schade, wenn man sein Leben quasi vergebens gelebt hätte. Wenn man nie wirklich richtig gelebt hätte, bloss, weil man auf „den Richtigen Zeitpunkt“ gewartet und alle wichtigen Entscheidungen ständig hinausgezögert hätte. Am  Ende ist man tot und hat all seine Chancen verstreichen lassen und nichts erlebt. Wie einer, der Ferien in Paris macht und zwei Wochen lang sein Hotel nicht verlässt.

Diese Gedanken machten mir irgendwie traurig und ich beschloss mich auf Anderes zu konzentrieren, wie zum Beispiel den sanften Wellengang. Ich wurde schon bald von einer wohltuenden Müdigkeit erfasst und entschlief. Als ich wieder aufwachte, ich schätze ich schlief wohl so eine halbe Stunde, war das Boot doch prompt um einige Kilometer von seiner vorherigen Position abgedriftet. Ich setzte mich daher an die Ruder und verbrachte wiederum gut eine halbe Stunde damit, um wieder zum Bootshäuschen zurückzurudern. 

Zurück bei Laszlo setzte ich mich kurz an seinen Computer und überprüfte mein Facebook-Profil. Aline hatte in der Zwischenzeit auf meine Nachricht geantwortet! Mit wild pochendem Herzen las ich ihre 
Nachricht:

Hej Jérôme!
Danke für deine Nachricht! Ich weiss gar nicht recht, was ich schreiben soll...womit soll ich beginnen? Ich bin froh, dass du so offen und ehrlich mit mir bist und keine Spielchen spielst...ich hätte diesen Schritt von mir aus jedenfalls nie gewagt und das mit uns angesprochen...weisst du, eigentlich fühle ich genau so wie du und gleichzeitig schäme ich mich dafür, denn ich habe ja eigentlich einen Freund. Nur scheinst du so viel mehr der Mann zu sein, wie ich ihn mir als Freund wünsche. Aber weisst du, es ist eben trotzdem so, dass ich Sascha liebe, auch wenn er manchmal ein totales Arschloch ist. Ich bin super unvernünftig, ich weiss und ich wundere mich jedes Mal aufs Neue über mich selbst und meine Gefühle ihm gegenüber. Ich war wohl einfach zu lange in ihn verliebt, das kleine Mädchen aus der Klasse unter ihm, das Mädchen, das ihm nie auffiel und dem er nie Beachtung schenkte und jetzt, jetzt bin ich wohl einfach unendlich froh, dass er mich endlich entdeckt hat. Ach, ich weiss echt nicht, was sagen und schreiben, ich stehe da gerade fürchterlich zwischen zwei Männern...ich hoffe einfach, dass wir irgendwie einen Weg miteinander finden. Was ich mit diesem Satz sagen will, weiss ich selbst nicht so recht, aber ich lass‘ ihn trotzdem so stehen. 
Bis bald! Ich drücke dich fest, 
Aline

Nachdem ich ihre Zeilen gelesen habe, bin ich so ratlos wie zuvor. Was will sie mir nun damit sagen? Sieht sie für uns eine Zukunft oder nicht? Weiss sie es überhaupt selber? 

Kommentare:

  1. Ich denke, sie möchte dir sagen, dass sie selbst nicht über ihre wahren Gefühle im klaren ist. Irgendwie kann sie sich was mit dir vorstellen, aber irgendwie möchte sie bei ihrem Freund bleiben, sie ist einfach hin udn her gerissen. Das einzige was du tun kannst, bleibe mit ihr im Kontakt, trefft euch ab und zu. Und warte.

    Irgendwann wird bei ihr der Zeitpunkt kommen, wo sie es weiß. :)

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  2. wow, über genau das, was du geschrieben hast von wegen, man könnte sein leben verschwenden, hab ich heute auf dem heimweg nachgedacht. sehr komisch :D

    mh, und was aline angeht kann ich nur sagen, was 'anonym' geschrieben hat - sie ist eben aufgeschmissen, ich kann sie irgendwie verstehen, was ihren freund angeht, sie hat ihn so lange heimlich geliebt und jetzt hat sie ihn und will ihn nicht verlassen..
    ich denk du solltest einfach abwarten, bis sie selbst weiß, was sie will und auf jeden fall den kontakt aufrecht erhalten, dich mit ihr treffen usw..
    ich drück' die daumen! :)

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  3. Antonia: Danke dir :)

    Anonym: Ja das werd' ich sicher. Ich werde dieses eine Mal nicht locker lassen...

    ammi: echt? vielleicht hat dieser gedanke ja wirklich etwas :) danke dir, ich werd' mich mit aline treffen, wenn sie wieder zurück aus den ferien ist und dann werd' ich mein schicksal herausfordern :)

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