Sonntag, 1. August 2010

Neunundzwanzigster Eintrag

Wir waren also wieder zu Hause. Ich war wieder zu Hause. Alleine. Was die beiden andern taten, wusste ich nicht genau. Ich brauchte wieder einmal etwas Raum für mich selbst. Und doch war es irgendwie merkwürdig so alleine in diesem grossen Haus zu sein; meine Mutter ist ja immer noch in den USA.

Den Morgen habe ich jedenfalls verschlafen, dann erst einmal ausgiebig geduscht und danach ging ich einkaufen, da praktisch nichts zu Hause im Kühlschrank war. Beim Einkaufen fiel mir auf, wie hier bei uns alles sauber und geordnet ist und eigentlich sollten die Menschen glücklich sein, aber sie sind es trotzdem nicht. Keiner lebt wirklich. Aber vielleicht sieht die Welt auch bloss durch meine Augen betrachten so aus...

Ich habe dann jedenfalls noch kurz mit Onkel Laszlo telefoniert und mit ihm über die nächsten paar Tage gesprochen; ich werde zu ihm nach Ungarn reisen. Morgen reise ich mit dem Zug ab nach Györ. Er wird mich dann dort abholen, da er gerade wegen einer Lesung dort ist.

Daraufhin las ich ein wenig. Als ich nach Hause kam, lag auf meinem Schreibtisch ein Buch mit einer Notiz. "Lieber Jérôme. Ich weiss, dass das Leben und das Erwachsenwerden nicht immer ganz einfach ist. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo man klarer sieht, wer man ist und was man will. Dieses Buch half mir damals, die Dinge ein wenig lockerer zu sehen und vor allem zu realisieren, dass man nicht alleine mit seinem Schicksal ist. Kopf hoch! Hampi". Das Buch heisst "Der Fänger im Roggen". Ich weiss nicht, es ist ja ganz nett von ihm und so, aber was will er mir mit all dem sagen? Mich ein weiteres Mal belehren? In dem Buch geht es um irgendeinen Jungen, der es in der Schule verbockt hat und rausgeflogen ist. Ich las nicht mehr weiter; Hampi wollte mir damit wohl irgendwie Angst machen oder so. Mir zeigen, was passieren würde, wenn ich mich künftig nicht mehr anstrengen würde.

Trotzdem liess mich das alles nicht so recht los. Was will ich? Was soll aus mir werden? Ich ging runter zur Seepromenade und wollte dort spazierend ein wenig darüber nachdenken. Nur war die Seepromenade an diesem Abend nicht wirklich ein Ort der Ruhe, denn heute war, wie ich völlig vergessen hatte, unser Nationalfeiertag. Es kam mir absurd vor und es schien mir so, als würde mich überhaupt nichts mit der dumpfen, feiernden Masse verbinden, die dort unten am See ihre Raketen gen Himmel schossen.

Kurzerhand machte ich kehrt und ging zurück nach Hause. Da ich eigentlich nichts Besseres tun konnte, begann ich meinen Koffer für die morgige Reise zu packen. Richtig konzentriert war ich aber nicht und ich bin mir sicher, dass ich die Hälfte einzupacken vergessen habe. Stattdessen fragte ich mich beständig, was ich eigentlich will und was aus mir werden soll. Ach dieses "was soll aus mir werden?" - sie ist eine selten dämliche Frage, denn eigentlich geht's bei ihr ja immer nur um's Geld. Klar will ich ein wenig Geld, aber es ist nicht alles. Was bringt einem schon die Karriere, wenn man dabei nicht lebt?! Was ich will? Ich glaube, es ist leben. Ich will leben. Ich will das tun, was ich will. Das tun, was, wenn ich auf mein Herz höre, richtig ist. Vor allem will lieben. Ich meine, worin besteht der Sinn von all dem hier? Ich kenne ihn nicht, aber zu lieben scheint mir Sinn genug zu sein. Intensiv zu leben und zu lieben. Gefühle voll auszuleben, Höhen und Tiefen. Nichts ist schlimmer als das Leben einem langweiligen Alltagstrott zu opfern!

Den restlichen Abend brachte ich damit zu, mich durch Alines' Facebook-Profil zu klicken. Foto für Foto. Und insgeheim hoffte ich stets, dass sie plötzlich und unvermittelt im MSN auftauchen würde oder mir eine Nachricht über Facebook zukommen lassen würde, doch das tat sie nicht. Unser Kontakt ist seit dieser Sache beim Abschlussball irgendwie eingeschlafen. Zwar schrieb sie mir einige Male im MSN, aber ich ging nicht darauf ein. Ich war wütend, weil ihr Freund mich gedemütigt hatte. Dabei wäre das doch scheissegal gewesen! Scheiss auf ihn! Ich bin ein Idiot. Schon wieder gab ich eine Sache auf, ohne es überhaupt richtig versucht zu haben.

Ja, ich gab auf, ohne es überhaupt versucht zu haben... Dabei schien sie mir doch so perfekt zu sein. Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich wohl verliebt bin und eine seltsame Panik ergriff und steuerte mich. Ich tat nun das, was mir die einzige verbleibende Möglichkeit zu sein schien; ich schrieb ihr eine Facebook-Nachricht und erzählte ihr alles. Dass ich damals ein anderes Tram genommen hatte, das gar nicht meines war und dass ich dies nur deshalb tat um bei ihr sein zu können, nur um sie länger sehen zu können, ihren Duft riechen zu können. Ich erzählte ihr davon, wie ich im Facebook nach ihr gesucht habe und dass ich extra ihretwegen zum Ball kam. Dass sie mir seit unserem Date auf dem Lindenhof nicht mehr aus dem Kopf geht...nein, dass sie mir von dem Tag an, an dem ich sie sah, nicht mehr aus dem Kopf geht.

Es ist verdammt riskant und ich habe mit diesem Schritt gewissermassen alles auf eine Karte gesetzt. Aber was sollte ich sonst tun? Mein Verstand ist ausser Kraft gesetzt und in meinem Herzen herrscht Sturm und Drang...

Kommentare:

  1. Wenn es um Liebe geht, setzt der Versand oft aus, wir tun Dinge die nicht typisch für uns sind. Manche wagen etwas, andere haben Angst.

    Deshalb finde es gut, dass du nun alles auf eine Karte gesetzt hast. Denn wenn sie dir zurück antwortet, weißt du wie es weiter geht, ob ein trauriges Ende oder Happy End. Ich wünsche dir dabei viel Glück und drücke dir die Daumen.

    Zu deiner Mutter, ich denke Sie wollte dich nicht belehren, Sie wollte dir damit sagen, dass Sie Verständnis zeigt, dass Sie dir helfen möchte. Im gewissen Maße hat Sie das gleiche durchgemacht und ihr hat das Buch geholfen, zu wissen wer will ich sein in 20 Jahren und solche Dinge.
    Sei Dankbar, dass sie versucht hat dir zu helfen, dass an dich gedacht.

    Denn es gibt Familien oder Mutter, da bist du dennen egal. :)

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  2. ich kann dir nur ans herz legen,das buch zu lesen. es ist wirklich eine bereicherung.

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